Zuletzt aktualisiert am 17. Juli 2026 von Julia Hacker
Stell dir vor, eine Agentur liefert dir den neuen Text für deine Website – flüssig geschrieben, keine Rechtschreibfehler, alle Fachbegriffe an der richtigen Stelle. Trotzdem liest er sich, als könnte er genauso gut bei jedem zweiten Unternehmen deiner Branche stehen. Genau das ist das Problem von KI-generiertem Content: Er liest sich kompetent, bleibt aber glatt und austauschbar – weil ihm die echte Erfahrung fehlt, die nur die Menschen in deinem Unternehmen mitbringen.
In diesem Artikel zeige ich dir,
- warum genau dieses fehlende Erfahrungswissen inzwischen ein handfester Sichtbarkeits-Faktor ist
- wie du an das Wissen deiner Expertinnen und Experten im Unternehmen rankommst und
- mit welcher 4-Phasen-Struktur ich Interviews führe, damit am Ende echter Content statt Keyword-Hülle entsteht.
Das Wichtigste in Kürze
- KI-generierter Content wird zunehmend austauschbar. Was ihm fehlt, ist Information Gain – der Informationsvorsprung aus echter Erfahrung, den Google inzwischen gezielt zu erkennen versucht.
- Sichtbare Expertise stärkt auch Vertrauen und Markenimage – und liefert Rohmaterial für mehrere Kanäle gleichzeitig.
- Spezifische Fachexpertise sitzt selten im Marketing, sondern bei den Kolleginnen und Kollegen aus Vertrieb, Technik oder Service – mit entsprechend wenig Zeit für Interviews.
- Zwei Schritte vor dem eigentlichen Interview machen es leichter, an echtes Fachwissen zu kommen: der KI-Spiegel (was weiß das Internet schon?) und die Datensuche in Reklamationen und Bewertungen (wo tut es wirklich weh?).
- Eine feste 4-Phasen-Struktur – Vorlauf, Erzählfluss, thematische Vertiefung, kritischer Abschluss – macht aus einem Fragebogen ein Gespräch, in dem Fachwissen tatsächlich sichtbar wird.
Information Gain entscheidet über die Sichtbarkeit deiner Inhalte
Lass einen beliebigen KI-Chatbot einen Text über ergonomische Bürostühle schreiben. Das Ergebnis liest sich ungefähr so: „Unser ergonomischer Bürostuhl unterstützt Ihre Wirbelsäule durch eine flexible Lordosenstütze und sorgt für gesundes Sitzen im Alltag.“ Fachlich korrekt, sprachlich sauber – und inhaltlich leer.
Was in diesem Text fehlt, ist die Einordnung eines Physiotherapeuten: dass die ersten Tage auf einem ergonomischen Stuhl oft mit Muskelkater einhergehen, weil ungenutzte Muskulatur plötzlich arbeiten muss. Oder der Praxistipp, dass der teuerste Stuhl nichts bringt, wenn die Armlehnen zu niedrig eingestellt sind und die Schultern trotzdem kollabieren.
Kurz erklärt: Was ist Information Gain?
Information Gain bezeichnet den Informationsvorsprung, den ein Text gegenüber Konkurrenztexten liefert – also das Wissen, das nirgendwo sonst im Netz in dieser Form steht, derjenige Inhalt, der diesen Text einzigartig macht und ihn von anderen Texten zu demselben Thema abhebt. Google hat dafür ein eigenes Patent angemeldet und versucht damit aktiv zu messen, ob ein Inhalt eine neue Perspektive, eine echte Fallstudie oder ein echtes Learning mitbringt, oder ob Nutzer:innen zum wiederholten Mal dieselben austauschbaren Absätze lesen.
Je mehr glatter KI-Content im Netz kursiert, desto wertvoller wird das Gegenteil davon: Wissen, das nur ein Mensch mit echter Erfahrung liefern kann. Nicht die perfekteste Textstruktur gewinnt langfristig, sondern die Substanz dahinter.
Warum sollten wir überhaupt Experteninterviews führen?
Echte Experteninterviews sind übrigens viel mehr als nur ein netter SEO-Bonus – sie sind pures Gold für die Marke. Weil wir Menschen nun mal echten Menschen vertrauen und nicht gesichtslosen Unternehmen. Das genau das, was Google im Fachjargon E-E-A-T nennt und was Kundinnen und Kunden unabhängig von jedem Algorithmus überzeugt.
Überleg mal selbst, was dich mehr überzeugt: Ein anonymer Textbaustein auf einer Website? Oder das Zitat einer erfahrenen Physiotherapeutin aus dem Team, die aus der Praxis verrät, dass falsch eingestellte Armlehnen die wahren Übeltäter für Rückenschmerzen sind? Eben. Echtes Gesicht zeigen schafft sofort Vertrauen.
Der absolute Praxis-Bonus: Aus einem einzigen guten Gespräch holst du weit mehr raus als nur einen schnöden Blogartikel. Die Insights sind perfektes Futter für starke LinkedIn-Posts, greifbare Case Studies oder genau die Antworten, die in den Website-FAQs noch fehlen.
Warum sich Fachabteilungen gegen Interviews sperren
Wie kommst du nun an dieses Fachwissen ran? Es sitzt in der Regel nicht im Marketing, sondern bei Kolleginnen und Kollegen aus IT, Vertrieb oder Produktmanagement – leider genau dort, wo die Zeit besonders knapp ist.
Dazu kommt. dass in den meisten Unternehmen eine ganz bestimmte Stimmung herrscht, wenn das Marketing anklopft. Der Ingenieur, die Vertrieblerin, der Produktmanager denken sich: „Was will die jetzt schon wieder von mir? Die versteht mein Fachgebiet doch sowieso nicht.“ Und ehrlich? Meistens haben sie recht.
Denn wie läuft das normalerweise ab? Wir kommen mit einer Liste. „Ich brauch Content für das Keyword „Bürostuhl Rückenschmerzen”. Kannst du mir mal eben fünf Sätze dazu schreiben?“ Kein Wunder, dass die Tür zugeht. Das Problem ist nicht nur „keine Zeit“. Das Problem ist unsere Haltung. Wir gehen als
Bittsteller rein, die um fünf Minuten betteln – oder als Besserwisser. Beides funktioniert nicht.
Was funktioniert: Du gehst rein als jemand, der lernen will. Also weg von „Ich brauche da mal was von dir” hin zu: „Du hast hier die meiste Erfahrung – erzähl mir doch mal, wo die Leute im Alltag wirklich stolpern.”
Das ist der Unterschied zwischen einer zugeschlagenen Tür und einem Experten, der plötzlich zwanzig Minuten am Stück redet
So bereitest du dich auf ein Experteninterview vor
Zwei Dinge mache ich immer, bevor das eigentliche Gespräch überhaupt startet. Das spart enorm Zeit und Nerven:
1. Der KI-Spiegel
Lass ChatGPT, Gemini oder eine LLM deiner Wahl vorab einfach mal einen Text zu deinem Thema runtertippen – zum Beispiel über die richtige Einstellung eines Bürostuhls. Alles, was der KI-Chatbot da ausspuckt, ist absolutes Basiswissen. Das weiß das Internet schon. Dein Job im Interview ist jetzt, genau das herauskitzeln, was auf diesem Zettel fehlt.
2. Die Datensuche
Geh in die Amazon-Rezensionen der Konkurrenz. Oder in eure eigenen Reklamationen und Service-Mails. Such gezielt nach Wörtern wie „Leider“, „Fehlkonstruktion“ oder „Hätte ich gewusst, dass…“. Bei Bürostühlen findest du da Dinge wie: „Die Rollen zerkratzen meinen Parkettboden“ oder „Die Kopfstütze drückt mir den Nacken nach vorne“. Das sind die Schmerzpunkte, mit denen du ins Interview gehst.
Der absolute Vorteil: Du zeigst riesigen Respekt vor der Zeit deines Gegenübers, weil ihr nicht mehr bei Adam und Eva anfangen müsst. Du verschwendest nicht die Zeit des Experten. Außerdem stellst du automatisch bessere Fragen. Weil du schon weißt, wo es wirklich wehtut.
Die 4-Phasen-Strategie für richtig gute Interviews
Die Basis für diese Struktur stammt ursprünglich von Dröge & John (2021). Ich habe sie für meine SEO-Interviews angepasst – mittlerweile setze ich sie bei jedem Experten-Interview ein. Jede der vier Phasen hat eine eigene, klar definierte Aufgabe.
Mit dieser Struktur gehe ich in jedes Gespräch. Jede Phase hat genau einen Job:
Phase | Ausgangspunkt | Ziel |
1. Vorlauf | Anspannung / Unsicherheit beim Experten | Sicherheit & Vertrauen |
2. Gesprächseinstieg | Fakten-Abruf | Erzähl-Flow |
3. Vertiefung | Fachchinesisch | Laien-Übersetzung |
4. Abschluss | PR-Blabla | echte USPs |
Phase 1: Das Warm-up – Angst nehmen, Sicherheit schaffen
Die Wahrheit ist: Fachlich haben die Profis alles drauf. Was sie nervös macht, ist das Drumherum. „Werde ich öffentlich zitiert? Was ist, wenn ich mich verspreche?” Deshalb musst du ihnen zunächst Sicherheit geben.
Wenn du das Interview aufzeichnest, dann frag direkt am Anfang nach der Erlaubnis. Danach, rede direkt über Organisatorisches:
- Wie lange dauert das Interview voraussichtlich?
- Was passiert mit den Aussagen? – Das senkt die Hemmschwelle enorm – gerade wenn’s später auch mal um unbequeme Branchendetails geht.
- Wie wird das Interview genau ablaufen?
Das Ziel dabei ist, dass die Technik, also das Aufnahmegerät, die Kamera, in den Hintergrund tritt, bevor die erste echte Frage kommt. Sonst hat dein Gegenüber sie die ganze Zeit im Hinterkopf, während er eigentlich schon über sein Fachgebiet reden soll.
Das nimmt den kompletten Druck raus. Sag einfach: „Ich hab einen groben Fahrplan, aber du redest einfach frei von der Leber weg. Passt das?” So zeigst du Vorbereitung, lässt aber dem Profi das Steuer.
Phase 2: Der Eisbrecher – Lass sie erzählen
Jetzt kommt die wichtigste Frage des ganzen Interviews. Die Einstiegsfrage.
Regel Nummer eins: Stelle niemals eine Ja/Nein-Frage. Nie „Ist Qualität bei euch wichtig?” – das kriegst du in einem Wort beantwortet, und dann sitzt ihr da.
Stelle stattdessen eine erzählgenerierende Einstiegsfrage.
Beispiel Interview mit einer Stresscoach:
„Wenn Sie an die Klienten denken, die zu Ihnen kommen: Oft ist der erste Termin ja der Moment, in dem das Fass bereits überläuft. Gab es da in letzter Zeit einen Fall, der Sie besonders berührt hat? Wie sah die Situation aus, als die Person das erste Mal vor Ihnen saß, und was war vielleicht dieser eine unscheinbare Moment im Alltag des Klienten, an dem er gemerkt hat: „So geht es nicht mehr weiter”?
Gib ihnen Raum. Lass sie einfach mal drei Minuten am Stück erzählen, ohne sie zu unterbrechen.
Phase 3: Der Deep-Dive
Und hier kommt jetzt unser Information Gain ins Spiel. Denn genau in dieser Phase entscheidet sich, ob am Ende ein KI-Text mit Keyword-Hülle rauskommt – oder echter, tiefer Content. In dieser Phase fragst du gezielter nach, hakst ein. Dafür nutze ich drei verschiedene Techniken:
- Anknüpfen statt abfragen: Wirf deine Checkliste weg. Sag lieber: „Du hast gerade Begriff X erwähnt – das finde ich mega spannend. Macht die Konkurrenz das eigentlich schlechter?” Du bleibst im Fluss des Gesprächs, statt eine Checkliste abzuarbeiten.
- Die absichtsvolle Naivität: Manchmal ist es hilfreich, sich bewusst etwas unwissender zu geben, als man ist: „Ich lese dauernd dieses Fachwort. Mal ganz blöd gefragt: Warum ist das überhaupt wichtig? Was passiert im schlimmsten Fall ohne das Ding?” Das zwingt den Profi, es so zu erklären, dass es auch absolute Laien verstehen – und genau das ist später die Zielgruppe des Textes. Nutze das allerdings nur dosiert. Die Technik funktioniert nur, wenn die zugrunde liegende Frage fachlich sinnvoll ist und sich die Naivität auf ein einzelnes, konkretes Detail beschränkt. Banale Rückfragen („Was ist ein ergonomischer Stuhl?”) wirken schnell unvorbereitet.
- Die vorgelesene These: „Ich hab hier den Entwurf für den Blogartikel. Da steht: „Spiegelschränke aus Holz sind im Bad problematisch.” Was sagen Sie dazu? Ist das zu einfach gedacht, oder stimmt das so?” Diese Formulierung aktiviert sofort den fachlichen Widerspruchsreflex – und liefert innerhalb weniger Minuten die Tiefe, für die ein offenes Gespräch sonst deutlich länger bräuchte.
Phase 4: Der Abschluss – die kritische Frage
Ganz am Ende, wenn das Vertrauen schon steht, kommt die kritischste Frage überhaupt. Die, die vorher niemand hätte stellen können, ohne die Tür zuzuschlagen.
Beispiel:
„Jetzt haben wir viel über Qualität und Verarbeitung gesprochen. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich kann mir bei Amazon einen Stuhl für ein Drittel Ihres
Preises kaufen. Was würden Sie einem Kunden entgegnen, der behauptet, Ihre seien eigentlich nur teurer Luxus ohne echten Mehrwert? Wo zahlt er bei der Billig-Variante drauf?”
Das ist die Frage, die am Ende den besten Content liefert. Weil sie den Experten zwingt, seinen eigenen USP in Worte zu fassen – gegen den härtesten Einwand, den ein Kunde haben könnte.
Die Fachabteilung hat absolut keine Zeit – was nun?
Manchmal lässt sich trotz bester Vorbereitung einfach kein Termin finden – die Fachabteilung steckt bis zum Hals in Arbeit und hat schlicht keine Zeit. Aber auch dann gibt es clevere Wege, an das nötige Wissen zu kommen, ohne dass es beim Gegenüber in Stress ausartet:
- Interne Fachliteratur, Normen, Whitepaper. Oft gibt das das Wissen bereits schriftlich – in Schulungsunterlagen, technischen Spezifikationen oder Produktdatenblättern, die nur niemand für Content genutzt hat.
- Bei einem fachlichen Meeting einfach nur zuhören. Statt einen eigenen Termin zu blockieren, reicht es oft, sich zu einem ohnehin stattfindenden Meeting dazuzuschalten und mitzuschreiben oder ein Transkript anzufertigen.
- Anonymisierte Kunden-Mails auswerten. Reklamationen und Support-Anfragen enthalten die echten Formulierungen und Schmerzpunkte der Zielgruppe – ganz ohne Termin mit der Fachabteilung.
- Interne Chats durchsuchen. In Slack- oder Teams-Verläufen erklären Fachleute ihren Kolleginnen und Kollegen oft genau die Dinge, die später im Content fehlen – meist informeller und verständlicher formuliert als in offiziellen Dokumenten.
- Um eine kurze Sprachnachricht bitten. Eine einzelne, konkrete Frage lässt sich oft niedrigschwelliger beantworten als ein ganzes Interview: „Sprich mir 60 Sekunden zu Frage X eine Sprachnachricht ein, während du zum nächsten Termin läufst oder im Aufzug stehst.“
Diese Wege ersetzen kein vollständiges Interview, liefern aber oft genug Substanz für einen ersten Text – und manchmal öffnen sie sogar die Tür für ein ausführlicheres Gespräch beim nächsten Mal.
Fazit
Kein Tool ersetzt das Gespräch mit den Menschen, die ein Produkt oder eine Dienstleistung wirklich verstehen. Mit der richtigen Vorbereitung und einer Struktur, die Raum für echtes Erzählen lässt, wird aus einem ungeliebten Pflichttermin ein Interview, das Content liefert, den keine KI erfinden kann. Falls du und dein Team dabei Unterstützung braucht – schreib mir gern, wir schauen gemeinsam, wo ihr steht.
Häufige Fragen zu strukturierten Interviews
Experteninterviews sind die zuverlässigste Quelle für Information Gain – das Wissen, das kein KI-Text und kein Wettbewerber einfach kopieren kann. Google bewertet genau das inzwischen aktiv, und Interviews liefern gleichzeitig sichtbare Expertise (E-E-A-T) sowie Rohmaterial, das sich für mehrere Kanäle wie Blog, LinkedIn oder Case Studies weiterverwenden lässt.
Die Unsicherheit betrifft selten den fachlichen Inhalt, sondern die Form – öffentlich zitiert zu werden oder vor Mikrofon und Kamera zu sitzen. Eine klare Zusage, dass Zitate vor Veröffentlichung noch einmal freigegeben werden, sowie ein entspannter, gesprächsähnlicher Einstieg statt eines Frage-Antwort-Protokolls nehmen den meisten Druck.
Interne Fachleute liefern meiner Erfahrung nach die größere Tiefe, weil sie eigene Produkte, Kundenfälle und Reklamationen aus erster Hand kennen – das ist deine beste Quelle für echten Information Gain. Externe Stimmen wie Branchenverbände oder Partner bringen zusätzliche Reichweite und wirken als unabhängige Bestätigung. Die stärkste Kombination ist meist: interne Tiefe plus punktuell externe Einordnung.

Gründerin von Hacker Seomantix & SEO Expertin
Julia hat ursprünglich Linguistik studiert und vor rund fünf Jahren den Weg in die Welt des SEO gefunden, denn Sprache, Struktur und Suchverhalten verbinden sich dort auf ideale Weise. Als SEO-Partnerin für den Mittelstand hat sie sich einer Mission verschrieben: Traditionelle Unternehmen digital sichtbar zu machen, ohne dass deren Markenkern auf der Strecke bleibt. Sie fungiert als Sparringspartnerin und Interim-Projektmanagerin, die Strategien direkt in die Abteilungen trägt und Teams befähigt, gesundes Wachstum eigenständig voranzutreiben.

Quellen:
- Dröge, K. & John, M. (2021). QSF101: Ein Leitfadeninterview durchführen [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=fq5Utxbi35Y